Eine Reisereportage von Kay-Helge Hercher
Das kleine Großherzogtum Luxemburg, eingebettet zwischen Deutschland, Belgien und Frankreich, wird als Reiseziel oft übersehen – zu Unrecht. Auf gerade einmal 2.586 Quadratkilometern vereint dieses faszinierende Land mittelalterliche Geschichte, unberührte Natur und eine lebendige Gegenwart zu einem Erlebnis, das in Erinnerung bleibt.
Luxemburg-Stadt: Metropole mit grüner Seele
Die Hauptstadt Luxemburg-Stadt trägt das UNESCO-Weltkulturerbe-Siegel zu Recht. Was die Stadt jedoch von anderen europäischen Altstädten abhebt, ist ihr außergewöhnliches Verhältnis zur Natur: Rund die Hälfte des Stadtgebiets besteht aus Grünflächen. Hier ist fast alles fußläufig erreichbar – ein Umstand, der dem Geist des Slow Tourism geradezu entspricht.

Wer durch die charmanten Kopfsteinpflastergassen schlendert, entdeckt historische Denkmäler, gemütliche Cafés und beeindruckende Bauten wie den Großherzoglichen Palast, die Kathedrale Notre-Dame und das Gebäude der Luxemburger Regierung. Ein Highlight für Geschichtsinteressierte sind die Bock-Kasematten: ein weitverzweigtes unterirdisches Netzwerk aus Verteidigungsanlagen, das einen atemberaubenden Blick auf die Unterstadt und die umliegende Landschaft bietet.

Luxemburg-Stadt ist aber mehr als nur Sehenswürdigkeiten. Die kleine internationale Metropole besticht durch ihren ganz eigenen Charme – interkulturelle Gelassenheit inklusive – und dient als idealer Ausgangspunkt, um das gesamte Großherzogtum zu erkunden.

Das Guttland: Ruhe, Schlösser und verwunschene Täler
Wer dem Stadtleben den Rücken kehrt und auf der Suche nach Stille ist, findet sie im Guttland. Die geografisch im Zentrum des Landes gelegene Region bietet Hunderte Kilometer an Rad- und Wanderwegen, die sich durch unberührte Landschaften schlängeln – ein Naherholungsgebiet, das seinesgleichen sucht.
Besonders lohnend ist eine Reise durch das Tal der Sieben Schlösser, das sich auf einer Länge von 27 Kilometern erstreckt. Hier lässt sich tausend Jahre Luxemburger Geschichte geradezu anfassen. Wer möchte, erkundet die Burganlagen rund um Useldingen und Pettingen per Auto – oder nimmt sich einfach die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang.

Ein Schmuckstück im Tal ist das Grand-Château Schloss Ansembourg, errichtet in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Schloss selbst ist nicht öffentlich zugänglich – es gehört einer japanischen Religionsgemeinschaft –, doch die im Jahr 1750 angelegten französischen Gärten stehen Besuchern offen. Terrassenförmig angelegt und mit Obstbäumen, Springbrunnen und einer Skulpturensammlung ausgestattet, darunter die sogenannte Mythologische Allee, laden sie zum Verweilen ein.
Der Guttland Trail: Wandern zwischen Natur und Geschichte
Für alle, die Luxemburg zu Fuß und aus nächster Nähe erleben möchten, ist der Guttland Trail die erste Wahl. Der in mehrere Etappen unterteilte Wanderweg erstreckt sich über rund 87 Kilometer und führt durch wunderschöne Landschaften, charmante Dörfer und historische Stätten – eine perfekte Kombination aus Natur, Kultur und Geschichte.

Waldbaden: Alle Sinne öffnen im Wald
Eins werden mit der Natur – das ist der Kern des Waldbadens. Inmitten der Bäume wird neue Kraft getankt, der Alltagsstress vergessen und eine neue Beziehung zur natürlichen Umgebung aufgebaut. Alle Sinne sind gefragt: Geruch, Tastsinn, Geschmack, Sehen und Gehör.
Karen Decker kennt sich auf diesem Gebiet bestens aus und bietet geführte Touren an. „Immer nach oben schauen und nicht auf die Füße. Das hilft abzuschalten und die Eindrücke hier im Wald besser aufzunehmen“, erklärt sie beim Gang durch den Wald mit leiser Stimme. „Abstand halten und nicht sprechen. So fährt man hier im Wald schön runter“, fährt sie fort.
Kehlen: Tradition aus der Brennerei
Ein Abstecher nach Kehlen im Südwesten Luxemburgs lohnt sich unbedingt. Hier hat die Schnapsbrennerei Adam ihren Sitz – ein Familienunternehmen, das seit 1907 nach traditionellen Verfahren arbeitet. Vater Robert und seine Söhne Joël und Ferdi destillieren Obst und kreieren äußerst schmackhafte Schnäpse und Liköre. Kümmel, Rhabarber, Kirsch, Birne – die Auswahl ist groß und die Qualität überzeugend.

Doch das ist nicht alles: Die jahrzehntelange Sammelleidenschaft von Vater Robert und seiner Frau hat sich in einem kleinen Museum niedergeschlagen, das der Brennerei angeschlossen ist. Ein Ort, der Geschichte, Handwerk und Genuss auf einzigartige Weise vereint.
Rindschleiden: Das kleinste Dorf der Welt
Einen Einwohner. Mehr braucht es nicht, um ein Dorf zu sein – zumindest laut der luxemburgischen Statistik. Rindschleiden ist das kleinste Dorf des Landes und dennoch kein unbeschriebenes Blatt. Die St.-Willibrord-Kirche mit ihren freigelegten Fresken aus dem 15. und 16. Jahrhundert ist allein schon eine Reise wert. Wer tiefer in die Vergangenheit eintauchen möchte, besucht das Museum Thillenvogtei, wo Angela Bissen und André Kirsch ihre Gäste auf eine Zeitreise ins Jahr 1900 mitnehmen.

In einer originalgetreuen Küche wird auf einem holzbefeuerten Herd gebacken, gemeinsam gegessen und dabei allerlei Anekdoten aus vergangenen Zeiten lebendig gemacht. „Schulklassen, die uns besuchen, erleben hier, wie es früher war, als man weder Fernseher noch Smartphones kannte. Die Arbeit war hart und mühsam. Und dennoch haben die Menschen damals überlebt“, erklärt Angela Bissen mit einem Augenzwinkern.

Ergänzt wird das Museumserlebnis durch historische Szenerien wie eine nachgebaute Schulklasse, einen Frisörsalon und eine Wohnstube. Wer danach noch Ruhe und Besinnung sucht, findet beides auf dem Meditationspfad, der direkt in der Ortsmitte beginnt.
Zentrum der luxemburgischen Töpferei
Von 1458 bis 1914 war Nospelt das Zentrum der luxemburgischen Töpferei – weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Im Haus des letzten Töpfers ist heute ein Museum eingerichtet, das die Geschichte dieses alten Handwerks lebendig hält. Usch Biver und Herman Vosman führen die Besucher in die Geheimnisse der Töpferkunst ein und lassen sie selbst Hand anlegen – zum Beispiel beim Töpfern von Péckvillchen. „Das sind kleine, wie Vögel aussehende Pfeifchen, mit deren Spiel damals die Töpfer Kinder angelockt haben. Und die Kinder hatten ihre Eltern an der Hand, die dann die Waren kaufen sollten. Die kleinen Pfeifen waren also nichts anderes als Lockvögel“, erklärt Usch Biver.

Fazit: Klein, aber groß in jeder Hinsicht
Luxemburg ist ein Land, das man entdecken muss – langsam, bewusst, mit offenen Sinnen. Die Menschen sind freundlich und einladend, die Küche ein Genuss für den Gaumen. Tradition und Moderne, Stille und Betriebsamkeit – das Großherzogtum vereint all das in einer Art, die selten geworden ist. Wer Slow Tourism wirklich leben möchte, ist hier genau richtig.

















































