Drei Tage, tausend Farben: Ein Kurztrip nach Marrakesch

Ein Reisebericht und Fotos von Kay-Helge Hercher

Marrakesch/Marokko | Das Flugzeug setzt auf, und schon beim Aussteigen umfängt einen diese besondere Wärme nordafrikanischer Novemberabende. Während in Deutschland längst die Dämmerung um vier Uhr nachmittags hereinbricht, leuchtet hier der Himmel noch in zartem Orange. Die Zeit ist knapp bemessen: genau zweieinhalb Tage für Marrakesch.

Ankunft in einer anderen Welt

Das Taxi schlängelt sich durch den abendlichen Verkehr von Gueliz, der Ville Nouvelle, vorbei an erleuchteten Palmen und modernen Cafés, bevor die Straßen enger werden. Das Riad liegt versteckt in der Medina, der Altstadt – ein typisches marokkanisches Stadthaus mit Innenhof, das von außen unscheinbar wirkt und innen überrascht: Zellige-Fliesen in Blau und Weiß, geschnitzte Holzdecken, ein plätschernder Brunnen im Zentrum. Der Muezzin ruft zum Abendgebet, während im Innenhof der erste Minztee dampft und das Plätschern des Brunnens die Ankunft besiegelt. Über den Dächern der Medina, die sich über die Mauern hinweg erahnen lassen, leuchtet der Himmel noch in warmem Rosa.

Für das Abendessen geht es ins Gassengewirr. Der Djemaa el-Fna, der berühmte Hauptplatz, ist auch am späten Abend ein Spektakel: Geschichtenerzähler umringen ihre Zuhörer, Schlangenbeschwörer packen gerade zusammen, und Dutzende Garküchen dampfen vor sich hin. Die Wahl fällt auf eine Tajine mit Lamm und Pflaumen an einem der Stände – einfach, authentisch, köstlich.

Mit Hassan durch die Geschichte

Der nächste Morgen beginnt früh. Wer nur wenig Zeit hat, muss sie nutzen. Eine geführte Tour durch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten verspricht Orientierung – in einer kleinen Gruppe mit Guide Hassan, der am Riad abholt.

Hassan ist ein junger Mann mit wachem Blick und einem Lächeln, das sofort Vertrauen schafft. Schon auf dem Weg zum Bahia-Palast erzählt er von seiner Stadt: „Marrakesch ist wie eine Zwiebel – Schicht für Schicht muss man sie verstehen lernen.“ Beim Betreten des Palastes, diesem Meisterwerk marokkanischer Architektur aus dem 19. Jahrhundert, wird klar, was er meint. Raum für Raum offenbaren sich kunstvoll bemalte Holzdecken, Stuckarbeiten wie gefrorene Spitze und Innenhöfe mit Orangenbäumen. „Sehen Sie diese Decke?“, fragt Hassan und deutet nach oben. „Jeder einzelne Balken wurde von Hand geschnitzt. Die Handwerker haben Jahre daran gearbeitet – und niemand kennt heute ihre Namen.“

Weiter geht es zu den Saadier-Gräbern, die jahrhundertelang vergessen waren, bis sie 1917 wiederentdeckt wurden. In den kühlen, mit Mosaiken ausgekleideten Räumen erklärt Hassan die Kalligrafien an den Wänden und die Bedeutung der geometrischen Muster. „In unserer Kunst zeigen wir keine Menschen oder Tiere“, sagt er. „Stattdessen schaffen wir mit Geometrie das Unendliche – ein Spiegel des Göttlichen.“

Nach einer kurzen Pause führt Hassan die Gruppe durch die Souks. Hier wird deutlich, warum ein Guide Gold wert ist: navigiert er doch mühelos durch das Labyrinth der überdachten Gassen, während Alleinreisende sich hoffnungslos verlaufen würden. Gewürzhändler türmen Safran, Kreuzkümmel und Ras el-Hanout zu duftenden Pyramiden auf. Lederhändler preisen ihre Babouches an, die traditionellen Pantoffeln in allen erdenklichen Farben.

Was sofort auffällt: Die Stadt vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Überall ist Polizei präsent, spürbar ohne aufdringlich zu wirken. Angesprochen wird man allerdings ständig – Männer bieten ihre Hilfe an, wollen den Weg zeigen oder zu bestimmten Läden führen. „Ich verkaufe nichts, du musst nichts kaufen“, versichern sie mit freundlichem Lächeln. Natürlich stimmt das nicht ganz, und am Ende landet man doch vor irgendeinem Geschäft, aber die Herangehensweise ist charmant. Wichtig: Niemand fasst einen an. Es bleibt bei Worten, und ein freundliches, aber bestimmtes „Nein, danke“ wird respektiert.

Die Tour endet am frühen Nachmittag. Hassan verabschiedet sich mit einer letzten Weisheit: „Marrakesch zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Kommen Sie wieder – beim zweiten Mal sehen Sie eine andere Stadt.“

Der Abend findet auf dem Djemaa el-Fna statt, diesmal als Zuschauer von einer der umliegenden Dachterrassen. Von hier oben wird das Chaos zum Panorama: ein lebendes Gemälde aus Bewegung, Licht und Leben.

Fotogalerie: Drei Tage, tausend Farben

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Gerbereien, Souks und letzte Schätze

Der letzte volle Tag beginnt mit einem Hammam-Erlebnis. In den heißen Dampfräumen wird man durchgeknetet, geschrubbt und mit schwarzer Seife gewaschen – eine Prozedur, die sich anfühlt wie eine freundliche Tortur, aber danach die Haut strahlen lässt und den Körper merkwürdig entspannt.

Am Nachmittag steht der Weg zu den Gerbereien auf dem Programm – auf eigene Faust. Das Abenteuer beginnt schon bei der Suche: Immer wieder bieten Männer an zu führen, doch Orientierungssinn und Hinweisschilder reichen aus. In den Gerbereien angekommen, stehen Männer bis zur Hüfte in runden Bottichen und bearbeiten Häute mit jahrhundertealten Methoden. Der Anblick ist beeindruckend – echtes Handwerk, das hier seit Generationen ausgeübt wird. Ein Verkäufer versucht Minzblätter gegen den Geruch zu verkaufen, doch eine Ablehnung folgt. Tatsächlich ist der berüchtigte Gestank erstaunlich erträglich.

Anschließend geht es noch einmal durch die Souks, diesmal gezielter: Silberschmuck, eine Ledertasche, ein Gürtel und Arganöl sollen mit nach Hause. In einem kleinen, mit bunten Stoffen und Schmuck dekorierten Laden empfängt Youssef in blauer Steppjacke. Er hockt auf einem niedrigen Hocker, umgeben von seinem Warenlager: Keramikschalen in leuchtenden Farben, Schmuckkästchen, bunte Armbänder und silberne Ringe. „Komm, komm, schau nur“, sagt er einladend und hält einen goldenen Ring in die Höhe. „Das hier ist echte Handarbeit – siehst du die Details?“ Vor ihm auf dem Boden liegen ausgebreitet weitere Schmuckstücke, Keramik und kleine Kostbarkeiten. Nach einigem Hin und Her beim Feilschen – begleitet von süßem Minztee, der wie selbstverständlich serviert wird – fällt die Einigung auf einen Ring und zwei Armreifen. „Du hast ein gutes Auge“, nickt er anerkennend und verpackt die Schätze sorgfältig.

In einer Seitengasse wartet eine kleine Lederwerkstatt. Ein junger Handwerker in blauer Adidas-Trainingsjacke mit Real Madrid-Emblem sitzt an seinem Arbeitstisch, gerade dabei, Lederstücke einzufärben. Seine Hände in schwarzen Handschuhen gleiten geübt über das Material. Hinter ihm hängen Ledertaschen an der Wand, rundherum stapeln sich Werkzeuge und Lederreste. „Ah, willkommen!“, begrüßt er mit einem strahlenden Lächeln, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. „Alles handgemacht, siehst du?“ Er deutet auf die frisch gefärbten Lederstücke vor sich. „Ich mache alles selbst – vom Färben bis zur fertigen Tasche.“ Das vertraute Ritual beginnt: Er zeigt verschiedene Taschen, erklärt die Verarbeitung, schenkt Tee ein. Nach freundschaftlichem Feilschen fällt die Wahl auf eine braune Ledertasche. „Die hält ewig“, versichert er und wischt sich die Farbe von den Händen. „Echtes marokkanisches Handwerk!“

Wenige Gassen weiter arbeitet Mustafa, ein älterer Handwerker in olivfarbener Fleecejacke und Mütze, an seinem Arbeitstisch, umgeben von bunten Gürteln, die von der Decke hängen. Vor ihm liegen Werkzeuge, ein Taschenrechner und verschiedene Schnallen. „Beste Qualität“, sagt er und präsentiert seine Arbeit. „Alles handgemacht, hier in Marrakesch.“ Das Leder fühlt sich hochwertig an – die Verarbeitung ist tatsächlich beeindruckend. Auch hier beginnt das Ritual des Handelns, das sich anfühlt wie ein freundschaftliches Spiel. „Für dich mache ich guten Preis“, sagt Mustafa mit einem verschmitzten Lächeln. „Damit du gut an Marrakesch denkst.“

Die letzte Station ist ein Gewürzladen, dessen Regale bis unter die Decke mit Gläsern voller Gewürze, Kräuter und Arganöl gefüllt sind. Ein junger Mann mit gepflegtem Bart und olivgrünem Hoodie empfängt mit einem herzlichen Lächeln. „Willkommen! Schau dir alles an“, sagt er und deutet auf die bunten Regale voller Schätze: lose Gewürze in Holzschalen, Ras el-Hanout in verschiedenen Mischungen, getrocknete Kräuter und vor allem – Arganöl in unterschiedlichen Größen. Er nimmt ein großes Glas mit der Aufschrift „Ras el Hanoute“ in die Hand und erklärt die Unterschiede. „Das hier ist für Kochen“, sagt er und zeigt auf eine Flasche, „und das für Haut und Haare. Alles von Berberfrauen hergestellt, aus dem Süden. Probier mal!“ Etwas Öl träufelt auf die Hand. Der Ladenbesitzer, ein älterer Herr mit Mütze und gemustertem Schal, gesellt sich dazu und nickt zustimmend. Die beiden scheinen Vater und Sohn zu sein. Nach kurzer Verhandlung werden drei Flaschen Arganöl sorgfältig verpackt. „Das bringt dir Glück nach Deutschland“, versichert der junge Mann mit einem warmen Lächeln.

Das letzte Abendessen findet in einem traditionellen Restaurant in der Medina statt: Pastilla, eine süß-salzige Blätterteigtorte mit Taubenfleisch und Puderzucker, gefolgt von einem langsam gegarten Couscous mit sieben Gemüsen. Zum Abschluss gibt es Chebakia, in Honig getränktes Sesamgebäck, und natürlich Minztee.

Abschied am frühen Morgen

Der Wecker klingelt im Dunkeln. Im Innenhof des Riads steht das letzte Frühstück mit Minztee auf dem Programm, während langsam der Tag anbricht. Die Stadt erwacht mit den Rufen der Muezzins, dem Klappern von Hufen auf Pflastersteinen, dem Öffnen der ersten Läden.

Im Taxi zum Flughafen wird deutlich, wie viel in so kurzer Zeit möglich war – und wie viel dennoch unangetastet blieb. Die Ben Youssef Mosque blieb eine Außenansicht, die Medersa Ben Youssef unerreicht, und für einen Ausflug ins Atlasgebirge fehlte schlicht die Zeit. Aber vielleicht ist das der bessere Ansatz: nicht alles abhaken wollen, sondern das Erlebte intensiv aufsaugen.

Hassans Worte klingen nach: „Beim zweiten Mal sehen Sie eine andere Stadt.“ Drei Tage in Marrakesch sind zu kurz und doch genug, um zu verstehen, warum diese Stadt die Menschen seit Jahrhunderten in ihren Bann zieht. Genug, um mit Gewürzduft in der Nase, dem Klang des Arabischen in den Ohren und dem festen Vorsatz zurückzukehren nach Hause zu fliegen.

Marrakesch wartet auf eine Rückkehr. Beim nächsten Mal mit mehr Zeit.